UNKONTROLLIERT

Zusammenfassung unzusammenhängender Geschehnisse, vorgetragen in einem sehr drögen, leicht arroganten Stil, der dem Zuhörer die Langeweile in den Adern gefrieren lässt und Mädchen aller Altersklassen dazu bringen soll, sich auf mein Gesicht zu setzen, damit ich endlich den Mund halte

Ohne Brille empfinde ich meine Umwelt wie ein Gemälde von van Gogh. Es gibt keine Konturen, dafür ineinander fließende Eindrücke. Das Rathaus ist rot. Der Rasen ist grün. Der Himmel ist blau. Nur vereinzelt malen Ufos homöopathische Chemtrails in das Azur, um die Bevölkerung mit ADHS zu beeinträchtigen. Es stehen sehr viele Blumen herum. Ein nacktes Kind planscht in einem Springbrunnen. Ich sollte es anzeigen. An den Tischen vor dem Ost-Restaurant sitzen Putinversteher, schlabbern Soljanka und zutschen dann die Zitronenscheiben aus. Vorsorge mit Vitaminen. In der Stadt grassieren die Masern. Vielleicht aber auch nur Sommersprossen. Ich trinke das Quecksilber aus dem Fieberthermometer, das mir von einem Impfgegner hergehalten wird. Endlich einmal jemand, der etwas von Medizin versteht.

Als ich mich dir nähere, betrachte ich deinen Arsch. Er hat meine volle Aufmerksamkeit. Deine Aufmerksamkeit hingegen ist auf zwei Tiefbauarbeiter gerichtet, die ihre Rohre in willige Erdlöcher verlegen. Die Rothschilds bauen die Valiumversorgung aus, damit es keine Revolution gibt. /gähnend /Revolution, wenn ich das schon höre./ Der Pimkie-Laden spuckt Teenagergirls aus, von denen jedes daherstolziert wie die Kackwurst von Heidi Klum. Sie haben Gesichter wie Schweinswale. Wenn ich mir bei Pimkie einen rosa Anorak kaufen würde, hättest du bestimmt gesteigertes sexuelles Interesse an mir. Ich finde geil, dass du nicht rasiert bist. Rasierte Muschis verletzen mich in meiner Menschenwürde. Man muss nicht alles machen, nur weil es die Rothschilds so wollen. Es genügt völlig, wenn man ein als Mensch getarntes Reptil ist, das mit ganzem Herzen das Eschaton der Menschheit mittels völliger Verblödung verfolgt. Oder wenn man in die CDU eintritt. Auch das genügt. Da muss sich niemand die Muschi rasieren. Ich kenne einen Mann, der rasiert sich sogar den Sack, wenn man den mal aus den Augen verliert, muss man nur der Blutspur folgen.

Als wir uns umarmen, lege ich meine Hände auf deine Hüften. Dann schiebe ich Finger nach Finger abwärts, bis ich deine Arschbacken voll umfassen kann. Du duftest nach Vanille. Du sagst, deswegen, weil Männer es mögen, wenn Frauen nach Mutti riechen. Ich kann so viel von dir lernen. Vier Stunden lang knete ich deinen Arsch. Dann gehst du, zufrieden, wie ich hoffe.

Gerade rechtzeitig erreiche ich das Büro der Tageszeitung. Ein Vetreter der Lügenpresse möchte ein Interview mit mir führen. Wie ich das mache. Ein junger Poet aus Berlin, jeden Abend Drogen im Überfluss, ein Penthouse in Weissensee, ein Fuhrpark mit Oldtimern aus der DDR-Zeit und jede Menge gebildete, attraktive und wohlerzogene Mädchen, die sich mir aufs Gesicht setzen wollen, damit ich endlich den Mund halte. Dieses vulgäre Reporterschwein! Ich spucke ihm das Quecksilber in die Augen. Soll er mal sehen, wie sich das anfühlt, wenn die Umgebung aussieht, wie ein Gemälde von Pollock.

Zufrieden gehe ich in den Abend. Diese Stille, als wenn man sie atmen könnte. Diese unglaubliche Stille, nur unterbrochen vom ohrenbetäubenden Wummern aus dem Multiplexkino, den Feuerwehrsirenen, dem Presslufthammer im Rothschild-Loch, dem Kreischen eines nackten Kindes, das von Polizisten in eine Minna geworfen wird, der entgleisenden Straßenbahn, den ADHS-Ausbrüchen einer Horde Teenager in Pimkielumpen und dem Wimmern eines einsamen alten Hundes, der seinen Pinkelbaum vermisst, wo jetzt das Einkaufszentrum steht.

Mit großer Liebe und Zuversicht sehe ich in das Rund, öffne meinen Hosenstall und lasse den Wind durch meine Sackbehaarung streichen. Ein wohliger Schauer rinnt über meinen Rücken, und als ich all das Chaos hinter mir lasse, ist nur ein Gedanke, der bleibt:

Deutschland darf nie wieder ein Krieg ausgehen.

 

Einer muß ja brillieren (warum ich von meinen Kollegen bei den Surfpoeten so gemocht werde)

Es ist Frühling, überall wachsen Astern aus dem Beton, türkische Großfamilien pflanzen sich am Straßenrand fort, junge Mädchen lassen ihre Schamlippen aus den Hosenbeinen hängen, im Mauerpark trommeln die Hippies auf Katzenfellen und im Mauersegler gibt es wieder Fassbier.
Auf der Veranstaltung bin ich wie immer der einzige, der brilliert. Das liegt nicht nur an meinem angenehmen Äußeren, dem überwältigenden Charisma und der Wortgewandtheit, das liegt hauptsächlich daran, dass die anderen, ich nenn sie mal „Schriftsteller“, einfach mal absolut gar nix auf Tasche haben, und damit meine ich nicht die finanzielle Situation, denn da kann man bei Schriftstellern sowieso davon ausgehen, dass sie nicht einmal die Tasche besitzen, auf der sie was haben könnten. Nein, ich meine ihre persönlichen und literarischen Qualitäten, an denen hapert es universell.

Zum Beispiel Hupe, der gute alte Hupe, geboren in den Wirren der 20er Jahre, das Urgestein unserer Bühne. In jenen zehn Minuten, die er stets benötigt, sich von seinem Platz aus ans Mikrophon zu schleppen, ist es jedes Mal, als wenn etwas stirbt, das eigentlich schon sehr sehr lange tot sein müsste. Seine Stimme ist so leise wie wie das Wiegen des Windes in schütterem Haar, oft sieht man nur am Zucken von Hupes Lippen, dass er überhaupt mit dem Vorlesen angefangen hat.
Wir lassen ihn natürlich in dem Glauben, wir verstünden, was er sagt. Aus Respekt vor seinem Alter, und aus Mitleid. Wir lachen in regelmäßigen Abständen, so, als hätte er einen Witz erzählt.
Oft guckt er dann fragend ins Publikum und keiner weiß so richtig, was ist das eigentlich da, was mich so anstarrt? Aber der, der ihm direkt in die Augen blickt und ganz genau hinhört, der kapiert, was Hupe eigentlich will: Gehirne!

Oder Schniekel, guckt euch Schniekel an. Nein, falsch geraten, das da in seinen Haaren ist keine Butter. Es sind anderthalb Kilogramm Schweinefett, die er jeden Mittwoch kurz vor dem Auftritt aus dem Schlachthof holt, – vier neugeborene Ferkel werden dafür lebendig über dem Schmalzfeuer ausgelassen. Aber die Frisur sei wichtig, sagt Schniekel, die Frisur sei der Träger des Charakters. Schniekel weiß Bescheid, schließlich ist er seit mehreren Jahren intellektuell. Er hatte damals vom Sozialamt Neukölln den Auftrag erhalten, die Toilettentüren der Volkshochschule mit den Aufschriften „Herren“ und „Damen“ zu versehen, was Schniekel sehr gut hinbekam. Das haben Sie sehr gut hinbekommen, Herr Schniekel, hatte der Hausmeister gesagt. Seitdem fühlt Schniekel sich zum Schriftstellerhandwerk berufen, und wir alle – und die kleinen Schweinchen – leiden sehr darunter.

Und dann Schnecke, Schnecke erst, unsere Quotenfrau. Schnecke, wie die sich immer aufführt! Guck mal, ich hab mir ein neues Kleid gekauft! – Das ist doch ne Hose! – Nein das ist ein Kleid – Ein Kleid mit Beinen? – Ein Kleid ein Kleid ein Kleid!
Ihre in bäuerlichem Stil verfaßten Texte enthalten viele aus ländlicher Sicht vulgäre Wörter wie Pupsen und Bussi, und damit Schnecke nicht bockig wird, müssen wir jedesmal so tun, als wenn uns das irgendwie provozieren würde.
Schnecke hält grundsätzlich alle Männer für böse, besonders die netten. Nur bei Literaturagenten macht sie eine Ausnahme. Wenn so einer im Publikum sitzt, holt sie sofort ihre Brüste raus, die aussehen, wie die Ellbogen von Neunjährigen. Darauf freuen wir uns immer besonders, da wir ja sonst keine Albträume haben.

Und Schnösel natürlich, unser hedonistischer Drogenclown, der ohne Chrystal Meth nicht mal die Augenbrauen heben könnte, dessen Texte immer damit enden, dass er in seiner eigenen Kotze ausrutscht aber der Sonnenaufgang sehr schön ist. Schnösel, dem es eine spezielle sexuelle Freude ist, sich die noch zuckenden ausgerissenen Beine von Schnaken in die Harnröhre zu schieben. So besoffen, wie wir abends ins Bett gehen, so steht Schnösel am Morgen auf. Sein Kopf ist ein Chemielabor, und jedes Mal, wenn er vorliest, spritzt dem Publikum in den vorderen Reihen eine Mischung aus LSD, MDMA, Machorka, Ketamin, Prima Sprit und dem Zeug, das er Poesie nennt, in die Gesichter, ausgegeifert wie der Maulschaum aus einem zuschunden gerittenen Wallach.

Und dann noch DJ Alp`n´Proll, dessen Musikgeschmack irgendwo zwischen Jeanette Biedermann und Who the fuck is Alice die finsterste Höhle gefunden hat, in der nicht mal Neanderthaler leben wollen würden, und dessen Plattenauswahl jedes mal den Abend zu einem Massaker, zu einem Pogrom am Leben werden lässt und jedem von uns den Freitod als wünschenswerte Alternative nahelegt.

Aber es ist ja Frühling, im Mauersegler gibt es Faßbier, Allergiker blähen sich auf wie Ballons und schweben über die Stadt, das Einkommen der Flaschensammler steigt um 500%, auf den Friedhöfen blüht das Vergissmeinicht, und es gibt immernoch einen hier, der brilliert.
Apropos, ich hoffe, jeder hier hat vorhin am Einlaß das Wechselgeld überprüft.

Berlin Mitte Hipster Story

Nicole hatte mit Marcel gefickt, konnte sich daran aber nicht mehr erinnern. Deshalb war ihr absolut nicht klar, warum sie von Marcel die ganze Zeit angestarrt wurde, nicht einmal ihr Gefühl dabei verstand sie. War es störend oder angenehm? Wenn es angenehm war, warum nervte es dann, und, wenn es störend war, warum ließ sie es sich dann gefallen? Marcel wusste auch nicht, warum er Nicole die ganze Zeit über anstarrte, aber so intensiv er auch starrte, ihm wollte der Grund nicht einfallen.
Nicht nur Marcel, auch Axel starrte Nicole die ganze Zeit über an, aber Nicole merkte davon nichts, weil sie darüber nachdachte, warum Marcel sie anstarrte. Deshalb starrte sie jetzt zurück zu Marcel. Axel hatte ebenso mit Nicole gefickt, konnte sich daran aber nicht mehr erinnern. Da war doch was, Nicole kam ihm so bekannt vor, bekannter als wer, mit dem er nur Milchkaffee getrunken hatte. Vielleicht ein Medienprojekt? Nicole war es bewußt, dass sie mit Axel gefickt hatte, aber der Fick war nicht sehr aufregend gewesen. Marcel anzustarren, fand sie wichtiger. Dass Nicole die ganze Zeit über Marcel anstarrte, war Axel unangenehm. Also hörte Axel auf, Nicole anzustarren. Er starrte jetzt ebenfalls Marcel an. Was war denn so besonderes an dem? Allein der Name – Marcel – wer hieß denn heutzutage schon Marcel?
Trixi dagegen hatte die ganze Zeit über Axel angestarrt, weil Axel ihr versprochen hatte, mit ihr zu ficken, aber Axel hatte sie nicht eines Blickes gewürdigt, weil er von dem Versprechen nichts mehr wußte. Während Axel Nicole angestarrt hatte, war Trixi immer wütender geworden. Aber dass Axel jetzt Marcel anstarrte, verwirrte Trixi. War Axel etwa schwul geworden? Aber mit Marcel? Allein schon wie der hieß – Marcel – völlig absurd! Trixi starrte hinüber. Das ging doch nicht. Marcel hatte doch vor zehn Minuten erst bei ihr angefragt, ob sie ficken wolle. Der war doch gar nicht schwul!
Als Marcel nach seinem Milchkaffee griff, ließ sein Blick einen Moment lang von Nicole ab und streifte in die Runde. „Was starren die mich alle so an?“, dachte er, „Fickt euch doch alle!“ Aber dann vergaß er, dass ihn alle anstarrten und er starrte weiter zu Nicole hinüber. Warum, war ihm egal.

Brav

Der Wauwau sah aus wie Justin Bieber und saß inmitten der Tulpenreihe. Die Oma streichelte ihm über den Kopf und sagte „Brav!“ Damit hatte sie recht, denn Achim war brav. Er wedelte mit dem Schwanz. Sicher gab es gleich ein Leckerli. Darauf freute er sich schon seit vorhin, als er das letzte Leckerli gefressen hatte. Die Oma hatte Achim schon mehrere Leckerlis gegeben, weil es ihr gefiel, dass er sich darauf freute, und weil Achim so brav war. Als Achim sein Leckerli bekommen hatte, unterbrach er das Schwanzwedeln, solange er kaute. Er konnte nur eine Sache gleichzeitig machen. Das lag nicht etwa daran, dass er ein dummer Wauwau gewesen wäre. Man hatte bei der Züchtung seiner Rasse einfach die Fähigkeit zum Multitasking vernachlässigt und stattdessen Wauwaus verpaart, die möglichst so aussahen wie Justin Bieber, und dazu noch brav waren.
Als Achim mit dem Leckerli fertig war, begann er sofort wieder mit dem Schwanz zu wedeln. Mit dieser Methode würde er weitaus mehr Leckerlis erhalten, als zum Beispiel durch Gekläffe, wobei ihm Kläffen sowieso viel zu anstrengend vorkam, und er sich einfach besser fühlte, wenn er brav war.
Der Oma gefiel es sehr gut zwischen den Tulpen. Schon ihre Mutter und auch ihre Großmutter hatten Tulpen gemocht, und wie die Mutter und die Großmutter hatte auch die Oma obendrein ein Herz für Wauwaus, die brav waren und gerne Leckerlis bekamen. Es war eine Familientradition, in der Jackentasche Leckerlis mit sich herumzutragen. Die Oma hätte zwar lieber einen Wauwau mit dem Aussehen Heintjes gefüttert, aber dieser hier sah nun einmal aus wie Justin Bieber. Hauptsache, er war brav. Als sie bemerkte, wie Achim mit dem Schwanz wedelte, griff sie in die Jackentasche und holte ein Leckerli heraus. Achim hatte sich schon seit vorhin darauf gefreut, als er sein letztes Leckerli gefressen hatte. Während Achim kaute, streichelte ihm die Oma über den Kopf und sagte: „Brav“. Und das stimmte.
Weil Achim kein Multitasking beherrschte, merkte er jedoch nichts davon, wie die Oma ihm über den Kopf streichelte. Da er entweder kaute oder sich freute und mit dem Schwanz wedelte, hatte er noch nie etwas davon mitgekriegt, wie er gestreichelt wurde. Er nahm nicht einmal die Tulpen wahr, in deren Mitte er sich befand.
Als er mit dem Kauen fertig war, fing er wieder an, sich zu freuen und mit dem Schwanz zu wedeln. Gleich, meinte er, würde er ein Leckerli bekommen. Die Oma war jedoch schon ein ganzes Stück weiter gegangen, zum einem anderen Tulpenbeet, wo ein anderer Wauwau mit dem Schwanz wedelte, der ebenfalls sehr brav war, aber zusätzlich wie Heintje aussah. Da Achim sich nur auf das Schwanzwedeln und Freuen konzentrierte, bemerkte er die Abwesenheit der Oma nicht. Er kriegte nichts davon mit, wie der Nachmittag ging, sich die Sonne violett färbte und hinter dem Städtchen verschwand, wie die Nacht sich hinzog lang und kalt, wie der Tau fiel am Morgen und die Sonne wieder auf- und überhaupt die Zeit verging, und dass die Hand, die ihm am späten Vormittag ein Leckerli hinhielt, von einer ganz anderen Oma stammte, als der, die ihm das letzte Leckerli gereicht hatte. Achim war ein braver Wauwau, der für das Wahrnehmen solcher Nebensächlichkeiten weder gezüchtet noch ausgebildet worden war. Als er mit dem Kauen fertig war, wedelte er mit dem Schwanz und freute sich. „Brav“, sagte die Oma. Und damit hatte sie vollkommen recht.

Gigbericht

Gurkenfreak war ja mal wieder mächtig gut drauf, weil er sich vor der Fahrt acht Perpen eingepfiffen hatte. Er glubschte uns die ganze Fahrt mit geweiteten Bullern an und riß fortlaufend Witze über die vorbeiziehende Landschaft, die hauptsächlich aus Lehm bestand. Wir wollten ins SJZ Kniffenbart zu einer Juchte mit Haffhorst und den 3 Bimmbamms, und die Wahrheit ist, auch wir hatten schon mächtig gehumpert, so dass uns der Bresen paffte.
Weil Gurkenfreak pausenlos Witze wegen des Lehms riß, hatte Borstel schon Höhe Schnerf seinen ersten Wutanfall bekommen. „Ich mag Lehm!“ hatte er gebrüllt, „Sag noch einmal was schlechtes über Lehm!“ und Gurkenfreak hatte daraufhin etwas schlechtes über Lehm gesagt. Gut, dass in diesem Moment gerade der Schaffner das Abteil betreten hatte. Wir ließen ihn jedoch am Leben.
Umso weiter südlich wir kamen, desto mehr veränderte sich die Farbe des Lehms, so dass auch Gurkenfreak bald meinte, so schlecht sei die Landschaft gar nicht. Da beruhigte sich Borstel vorerst und aß ein paar von den Krusten, die ihm der Arzt verschrieben hatte.
In Schnarchen, wo wir nach Kniffenbart umsteigen wollten, fing Borstel jedoch auf dem Busbahnhof schon wieder Streit an, und zwar mit einer Schulklasse. Er hat für solche Gelegenheit immer seinen beißwütigen Otter dabei, König Steif, der mit Borstel in charakterlicher sowie äußerlicher Hinsicht viele Eigenschaften teilt. Nicht nur die Tollwut. Nachdem König Steif etwa 5 Minuten lang in der Schulklasse gewütet hatte, kamen zwei Bahnhofspolizisten, die sich total darüber freuten. Die Sechstklässler hätten schon den ganzen Tag über am Busbahnhof randaliert und Papier fallen lassen. Da sei es gut, dass mal jemand käme, der denen ihre Grenzen aufzeigte. Als die Polizisten auch noch hörten, dass wir nach Kniffenbart zur Juchte wollten, schenkte einer der beiden Borstel seine Dienstwaffe, eine original Fratzenknecht .45k. Die Polizisten in der Gegend sind wie wir allesamt große Fans der 3 Bimmbamms, und wir Bimmbamm-Fans sind eine eingeschworene Gemeinschaft.
Nicht ohne dabei mächtig einen zu humpern, fuhren wir mit dem Bus durch das Lehmgebirge bis ins Kniffenbart-Tal, wo sich zwischen mehreren 8000er Lehmbergen das kleine Örtchen Kniffenbart befindet, das ganz aus Lehm besteht und Kennern der Sprallmusik seit Jahren ein Begriff ist, ja vielen sogar als Mekka der Sprallmusik überhaupt gilt.
Während sich Borstel mit ein paar Rentnern prügelte, die an der Bushaltestelle auf den Tod warteten, machte ich mich zusammen mit Gurkenfreak zum SJZ auf, um schon vor dem Konzert einen Blick auf die 3 Bimmbamms zu werfen. Ich kann nur sagen, einfach göttlich! Es ist immer wieder ein besonderer Moment, die Bimmbamms zu treffen. Gerhard und Bernd Bimmbamm hatten wieder ihre karierten Schnorste angelegt und Bernd Bimbamm trug auf jedem seiner drei Köpfe eine andersfarbige Joe-Carrera-Mütze, Sabine Bimmbamm, die gute Fee der Band, gleichzeitig Mutter, Ehefrau und Schwester von Gerhard und Bernd, fuhr kurz danach in ihrer Spregowskikutsche vor, die von 8 feurigen Kalupsen gezogen wurde. Das war ein Hallo! Gerhard und Bernd verteilten freigiebig Fingernägel, damit jeder etwas zum Knabbern hatte. Dann warf Sabine Bimmbamm ihr Gebiss in die Menge, worauf natürlich ein großer Tumult entbrannte, denn jeder wollte einen Zahn davon abhaben. Erst als plötzlich Schüsse fielen, klärten sich die Eigentumsverhältnisse. Borstel war eingetroffen, und es gab keinen Zweifel, Sabine Bimmbamms Gebiss gehörte ganz alleine ihm.
Um neun begann die Juchte, und Haffhorst fingen an zu spielen. Aber bis auf König Steif und ein paar Hunde interessierte sich niemand für den Beat. Pawnetzke-Blues ist ja sowas von von vorgestern. Gurkenfreak, der sich 4 weitere Perpen eingeworfen hatte, nutzte natürlich die Gelegenheit, sich über die Band lustig zu machen, indem er vom Bühnenrand aus mit Knorpeln warf.
Nach einer Dreiviertelstunde endlich kamen die 3 Bimmbamms an die Reihe
Schon das erste Lied, „Schlupfsulz in Schafsaspik“ brachte uns die Bresen zum Knastern.
Dann ging es Schlag auf Schlag: Piffte Piffte Piffte, Rosis Rosettentango, Sprallrebell, Iltis aus Paris, Kirschkern im Auge, – die ganzen alten Hits – das Publikum kannte jeden Liedtext auswendig, sogar König Steif und die anwesenden Hunde grölten alle Textzeilen Wort für Wort mit, Bernd Bimmbamm trommelte mit seinen Köpfen neun Schlagzeuge zu Schrott, wir waren außer uns, und als die 3 Bimmbamms zur Zugabe noch einmal Piffte Piffte Piffte anstimmten, flossen sogar Borstel die Tränen.
Dann kam der Regen. Ein warmer und heftiger Frühlingsregen mit Tropfen wie Ozeanen. Die Lehmberge rund um Kniffenbart lösten sich auf, wir wurden eins mit dem Schlamm und trieben, nicht ohne dass Gurkenfreak darüber ein paar Witze riß, mitsamt der Landschaft nach Norden über Schnarchen und Schnerf hinweg über das Land und hinterließen das, was immer hier gewesen war, nämlich nichts als Lehm. Erst kurz vor Königs Wusterhausen ebbte die Lawine ab, so dass wir absteigen und nach Hause gehen konnten.
Auch für dieses Jahr kann man nur sagen: Eine Juchte der Sprall-Musik. Und wenn im nächsten Jahr die Kniffenbärter aus dem Lehm der Gegend neue Behausungen errichtet haben werden, werden auch Gurkenfreak, Borstel, König Steif und ich dorthin reisen, wenn es wieder heisst: Humpern auf die Bresen drauf, die 3 Bimmbamms spielen auf!
Aber für jetzt, für das was noch zu sagen ist, ist leider keine Zeit mehr. Ich muss Krusten besorgen, denn Borstel wirft schon wieder Napalm aus dem Fenster.

Der-Punkt-ist No.1 (noch ausm Herbst)

Am Kollwitzplatz

Der Punkt ist, am liebsten würde ich die Scheiben einschmeißen von dem Maklerbüro auf der anderen Straßenseite, und das, obwohl die Blätter der Kastanien rot und gelb sind am Kollwitzplatz und mich bisher abgelenkt haben von den schicken Modegeschäften und den anderen Geldverbrennungsanlagen für Dekadente. Aber vor dem Maklerbüro, da steht keine Kastanie. Da steht nur ein Moped. Ich wohne hier schon lange nicht mehr, und auch keiner, den ich kenne. Wir sind vertrieben worden, und das ist ein Fakt. Sie haben auf uns geschissen, sie haben unsere Kultur vernichtet, sie haben um zehn die Polizei gerufen, wenn irgendwo Musik war, sie haben einen Saftladen gebaut stattdessen. Aber wir sollen uns freundlich verhalten, mahnt der Zeitgeist, und tolerant sein gegenüber den Vegetierern, die jetzt hier wohnen, schließlich sind wir zivilisiert, aber der Punkt ist, ich würde nunmal im Augenblick am liebsten und am allerliebsten die Scheiben einschmeißen von dem Maklerbüro.

Einfach aus Tradition. Oder als Erinnerung. An die letzte Walpurgisnacht auf dem Kollwitzplatz zum Beispiel, 1995 glaube ich, so in dem Dreh, am 30.April jedenfalls. Das Hexenfeuer brannte trotz Verbots auf dem Kollwitzplatz, so wie jedes Jahr, die Leute tranken Bier und rauchten Marihuana, Kinder und als Hexen verkleidete Frauen tanzten um das Feuer herum oder legten Kartoffeln hinein, ein Typ, den alle Jesus nannten, verteilte selbstgeschmierte Butterbrote, es war Frühling, alle jubelten, ich trug die neuen Martens, die mir ein Nazi in der Straßenbahn überlassen hatte, lag im Gras und blickte zufrieden in den Himmel, den Funken hinterher, wie sie in der Nacht vergingen. Dann kam die Polizei.

Keine Ahnung, wie viele es waren. Der Punkt ist, es waren viele. Sie umstellten den Kollwitzplatz, und dann schossen sie Unmengen von Tränengas in die Menschenmenge.

Die Kinder schrien, die Leute gerieten in Panik, rannten durcheinander, aber niemand konnte weg. Ich war im Herzen fröhlich gewesen, doch jetzt stand ich starr am Rand und blickte zu den Polizisten hinüber, von denen keiner desertierte oder den Befehl verweigerte, obwohl jeder sah, dass Kinder auf dem Platz waren. Vielleicht stand ich eine Minute so da, ich bemerkte, wie nach und nach auch andere erstarrten und zu der Polizei hinüberblickten. Das Geschrei ebbte ab, ein paar Momente lang absolute Stille, dann, ohne dass irgendjemand ein Kommando gegeben hatte, brach der Sturm los. Es sollte die gewalttätigste Nacht werden, die ich je erlebt hatte.
Wir waren wie Berserker, schlugen mit allem, was wir finden konnten, wahl- und rücksichtslos auf jeden ein, der eine Uniform trug, jemand warf mit brennenden Holzscheiten, ein anderer zerdepperte mit einem Hammer Gehwegplatten und wir schleuderten die Einzelteile davon in die grüne Masse, als wenn dort keine Menschen ständen. Die Polizei war völlig überfordert. Sie konnte vielleicht gegen ein paar Autonome den großen Max riskieren, aber hier standen sie ganz normalen Leuten gegenüber, die einen gerechten Zorn hatten. Die Hundertschaft, die auf der Kollwitzstraße postiert gewesen war, zog sich, taktische Meisterleistung, in den ummauerten Bereich des ehemaligen Kohlenhandels zurück und wurde dort eingekesselt. Jeder, der das mitbekam, auch ich, warf nun die Steine direkt über die Mauer und keiner machte sich Sorgen um das Leben der Polizisten, das hatten sich die Wichser schließlich selber eingebrockt.
Es dauerte nicht lange, und die ersten Wannen brannten lichterloh. Einige Leute rannten nach Hause und kamen mitsamt Molotow-Cocktails über ein Dach zurück, von wo aus sie den neuen Autohandel einäscherten. Meine Freunde und ich prügelten uns stundenlang mit der Polizei. Es ging von Straße zu Straße, überall brannte es, und wir waren so berauscht dabei, dass wir nicht bemerkten, wie unsere Anzahl beständig abnahm.
Es kam wie es kommen musste, wir wurden verhaftet, mit Plastikband gefesselt, in eine Wanne gepfercht, ins Gefängnis gebracht und nur aufgrund meiner wohl wegen der neuen Martens außerordentlich penetrant riechenden Schweißfüße wurde ich nicht, wie so mancher andere, beim Einzelverhör körperlich misshandelt. Man konnte mir nichts nachweisen und ließ mich am Morgen gehen. Es war der 1.Mai, die Sonne schien, und als ich am Vormittag über den Kollwitzplatz ging, lag Ruß und Benzin in der Luft und ich wußte, was ich am Abend machen würde.
Der Punkt ist, jetzt und heute jedoch, würde ich am liebsten, wirklich am allerliebsten die Scheiben einschmeißen von dem Maklerbüro. Doch ich traue mich nicht und weiß nicht warum.
Aber Morgen vielleicht.

Buchpremiere

So, endlich ist mein erstes Buch draußen. Es heißt „Männer von Jetzt“ und ist, wie ich finde, ziemlich gelungen. Es befinden sich 8 Rechtschreibfehler und 2 Stilblüten darin, vielleicht auch drei. Die Illustrationen außen und innen sind von Patricia Vester, die sich meiner Dankbarkeit sicher sein darf.

Außerdem befindet sich eine unterhaltsame Hörbuch-CD mit im Buch, dass ist das runde Ding auf der letzten Seite.

Das Buch kostet im Handel 14.50. Ich verkaufs aber auch auf Lesungen, da lass ich mich runterhandeln.

Buchpremiere ist am Donnerstag, 1.November ab 21.00 Uhr in meiner Lieblingskneipe Bumerang, Stubbenkammer Str.6, Berlin Prenzlauer Berg, wo mich der phantastische Frederic Valin (Read on my dear), der verrufene Ricardo (Pornodarsteller) und vielleicht sogar der blonde Alex (Thüringen) unterstützen werden.
Kommt gefälligst in Scharen!

Ein Lehrstück in Toleranz

Der Herbst ist da, die Blätter fallen wie der Regen und ein kalter Wind weht. Ich bin gerade am Modelleisenbahnladen in der Langhansstraße vorbeigegangen, und auch wenn im Schaufenster ein Schild hing, der Laden sei kameraüberwacht, konnte ich den ausgestellten Modelleisenbahnen keinen Wert zumessen, der einen Diebstahl rechtfertigen würde. Ich interessiere mich überhaupt nicht für Modelleisenbahnen. Modelleisenbahnen sind völlig überflüssig für mich, ebenso wie Kuckucksuhren, Plastiklichtschwerter, Sozialdemokraten und Zippo-Feuerzeuge.
Aber es geht nicht nur um mich, ich lebe in einer pluralistischen Gesellschaft und die Interessen sind vielfältig.
Einer mag Lakritze, der andere Gummibärchen, einer findet Adolf Hitler spitze, ein anderer die Klitschko-Brüder. Dem Mann dort hinten an der Haltestelle ist es vielleicht ein innerer Zwang, Bikinifotos zu betrachten oder Filme mit Til Schweiger, und die Frau auf der anderen Straßenseite versucht, nicht auf die Fugen zwischen den Gehwegplatten zu treten. Einer glaubt an Gott, der andre an Kompott, da kann es genauso sein, dass jemand Modelleisenbahnen so hübsch findet, dass er bei einem Modelleisenbahnladen ohne Kameraüberwachung sofort die Scheibe einschlägt und den H0-Triebwagen TF12 Deutsche Reichsbahn entwendet, um ihn in Sichtweite des Küchenfensters auf ein Vogelhäuschen zu montieren.
Das muss ich hinnehmen, und habe mir nicht einzubilden, ich sei ein wichtigerer und besserer Mensch, bloß, weil ich auf Vogelhäuschen montierte H0-Triebwagen völlig überflüssig finde.

Die Luft in der Sparkasse am Antonplatz riecht wie der Atem sterbender Affen. Die Finger der Schalterfrau bewegen sich viel zu langsam. „Schneller!“ sage ich, und drücke den Lauf noch tiefer in den Nacken des Bankdirektors, „Kann es sein, dass Ihre Mitarbeiter ein Motivationsproblem haben?“
Endlich ist sie fertig. Halb rückwärts, halb nach hinten guckend bewege ich mich zum Ausgang, wobei ich mir die Lidl-Tüte fest vor die Brust halte. Ich trete noch einen Prospektenstand um, dann steh ich draußen.

Der Herbst ist da, die Blätter fallen wie der Regen und ein kalter Wind weht. Ich bin gerade am asiatischen Maniküren-Laden in der Langhansstraße vorbeigegangen, und auch wenn mich der Anblick meiner Fingernägel hin und wieder an einen Soldatenfriedhof aus dem ersten Weltkrieg erinnert, kann ich mir nicht vorstellen, sie jemals im Leben irgendwelchen Elektrogeräten auszusetzen. Eher würde ich eine Kuckucksuhr kaufen, mit einem Lichtschwert herumfuchteln, in einem Werbespot für Zippo-Feuerzeuge mitwirken oder Sozialdemokrat werden.
Aber es gibt nunmal Leute, die das Aussehen ihrer Fingernägel als so wichtig einschätzen, dass ihnen der Preis von 29 Euro pro Maniküre nicht zu hoch erscheint, und die gar nicht mehr leben könnten ohne den Laden hier in der Langhansstraße. So verschieden sind die Menschen.
Die einen mögen Union, die andern BFC. Die einen würden Kriege anfangen für Erdöl, die anderen schon für Pellkartoffeln mit Quark. Die einen engagieren sich für süße kleine Kätzchen, die anderen für den Koran und wieder andere hätten gerne mehr Sex mit Schriftstellern. Die einen wollen Gott, die anderen Kompott, so ist das nunmal, da ist es auch völlig okay, wenn sich eine Dame für 29 Euro die Fingernägel machen läßt, obwohl sie ihre Finger zu nichts anderem benötigt als zum Popeln und zum Streicheln der Rosenblätter. Das muss ich tolerieren, auch wenn ich Maniküre auf diesem Niveau völlig unsinnig finde, aber ich will das moralische Recht, dass auch meine Handlungen ebenso toleriert werden.

Es hat aufgehört zu regnen. Die Krähen draußen im Baum diskutieren lautstark, wer auf den oberen Ästen platznehmen darf.
Ich habe den Inhalt der Lidl-Tüte auf den Küchentisch entleert. Die Beute kann sich sehen lassen. „Zwanzig“ überschlage ich. Super.

Der Herbst ist da, die Blätter fallen und ein kalter Wind weht. Der Dönerstand in der Langhansstraße ist gut besucht. Ich kann nicht verstehen, warum sich die beiden Polizisten vor mir Dönerteller bestellt haben, obwohl ein Dönerteller doch einen Euro mehr kostet als ein Döner, und der einzige Unterschied zwischen Dönerteller und Döner darin besteht, dass beim Dönerteller das Brot fehlt. Aber was geht mich das an? Einer trägt gerne Uniform, dem anderen ist es angenehm den ganzen Tag biertrinkend vor der Kaufhalle zu verbringen, der eine mag es, sein Gesicht in Schambehaarung zu vergraben, für den anderen muß der Partner überall glatt sein wie ein Kinderpopo, der eine mag den anderen, der andere den einen, wieder einer mag keinen und wieder ein anderer mag nur andere. Der eine glaubt an Gott, der andre an Kompott. So ist das nunmal. Wenn die beiden Polizisten lieber in Pappteller beißen, anstatt in Fladenbrot, und dafür einen Euro mehr bezahlen wollen, dann ist das ganz allein ihre Sache.

Gerade hat es wieder zu regnen begonnen, die Krähen vor meinem Fenster streiten sich immernoch, aber jetzt wollen die drei, die vorher die Plätze auf den oberen Ästen errungen haben, wieder unten im Geäst platznehmen, wo es trockener ist, aber die anderen Krähen rücken nicht zur Seite. Das stimmt mich irgendwie fröhlich und ich wünsche mir, dass das in der Bundesrepublik ebenso geschieht, obwohl das Verhalten der unten sitzenden Krähen nicht sehr tolerant ist.
Nachdem ich erst den Döner und dann das Grillhähnchen gegessen habe, lasse ich die übriggebliebenen Münzen auf den Küchentisch fallen. „Zwölf!“ zähle ich. Super! Dann zweige ich zwei davon ab und lege sie auf die Fensterbank. Morgen werde ich Vogelfutter davon kaufen gehen.

Der Herbst ist da, die Blätter fallen wie der Regen und ein kalter Wind weht. Ich liege, mit einer Axt und einem Messer bewaffnet, zusammengekrümmt auf dem Straßenpflaster. In mir stecken zwei Pistolenkugeln und mehrere Polizisten schlagen mit Papptellern auf mich ein. Einer der Polizisten tritt mir gegen den Kopf, eine blonde Politesse mit hochgesteckten Haaren sprüht mir mehrmals Pfefferspray ins Gesicht, ein großer Hund reißt mir Fleischfetzen aus der Schulter. „Toleranz“ rufe ich, „Toleranz“, dann explodiert der Antimateriesprengkopf in mir und die Explosion treibt eine Druckwelle durch das gesamte Sonnensystem, wobei es in sich zusammenfällt und nach wenigen Sekunden zu einem Schwarzen Loch wird, in dem/ Der Herbst der Regen und der Wind / für alle Zeit gefangen sind.

Da stelle ich die Tasse auf den Tisch und sage, dass ja wohl ganz allgemein immer zu wenig differenziert werde, und dann stelle ich die These zum Disput, dass Schnee nur deshalb als schön empfunden wird, weil der Mensch erstens einen Archetypen mit sich herumträgt, der sagt: Wenn Schnee fällt, dann können wir leichter den Spuren von Rehen folgen und haben am Abend Gulasch, und zweitens, weil besonders in der Stilepoche der Romantik, während jener Liebe mit Besitz gleichgestellt wurde und es immer hieß: Du mein, Ich dein, Dichter und Sänger das diffuse Gefühl kommender Völlerei nicht bis in seine letzten Tiefen reflektiert und stattdessen auf halbem Weg aufgehört haben, darüber nachzudenken, nämlich kurz bevor sich Schönheit (also eine Harmonie innerhalb von Verhältnissen) und Gut (also ein Plus an Haben) voneinander trennen und jedes sein eigener, wahrhaftiger Bereich wird. Man kann sich Schminke über den Schnee denken, aber man tut der Schönheit damit Unrecht an. Der reinen, einzigen, unteilbaren, echten Schönheit, der Schönheit, die mit Beschönigung nichts zu tun hat.

Die Sonne scheint
mir geht es gut
ich habe einen neuen Hut