UNKONTROLLIERT

Monat: Mai, 2013

Berlin Mitte Hipster Story

Nicole hatte mit Marcel gefickt, konnte sich daran aber nicht mehr erinnern. Deshalb war ihr absolut nicht klar, warum sie von Marcel die ganze Zeit angestarrt wurde, nicht einmal ihr Gefühl dabei verstand sie. War es störend oder angenehm? Wenn es angenehm war, warum nervte es dann, und, wenn es störend war, warum ließ sie es sich dann gefallen? Marcel wusste auch nicht, warum er Nicole die ganze Zeit über anstarrte, aber so intensiv er auch starrte, ihm wollte der Grund nicht einfallen.
Nicht nur Marcel, auch Axel starrte Nicole die ganze Zeit über an, aber Nicole merkte davon nichts, weil sie darüber nachdachte, warum Marcel sie anstarrte. Deshalb starrte sie jetzt zurück zu Marcel. Axel hatte ebenso mit Nicole gefickt, konnte sich daran aber nicht mehr erinnern. Da war doch was, Nicole kam ihm so bekannt vor, bekannter als wer, mit dem er nur Milchkaffee getrunken hatte. Vielleicht ein Medienprojekt? Nicole war es bewußt, dass sie mit Axel gefickt hatte, aber der Fick war nicht sehr aufregend gewesen. Marcel anzustarren, fand sie wichtiger. Dass Nicole die ganze Zeit über Marcel anstarrte, war Axel unangenehm. Also hörte Axel auf, Nicole anzustarren. Er starrte jetzt ebenfalls Marcel an. Was war denn so besonderes an dem? Allein der Name – Marcel – wer hieß denn heutzutage schon Marcel?
Trixi dagegen hatte die ganze Zeit über Axel angestarrt, weil Axel ihr versprochen hatte, mit ihr zu ficken, aber Axel hatte sie nicht eines Blickes gewürdigt, weil er von dem Versprechen nichts mehr wußte. Während Axel Nicole angestarrt hatte, war Trixi immer wütender geworden. Aber dass Axel jetzt Marcel anstarrte, verwirrte Trixi. War Axel etwa schwul geworden? Aber mit Marcel? Allein schon wie der hieß – Marcel – völlig absurd! Trixi starrte hinüber. Das ging doch nicht. Marcel hatte doch vor zehn Minuten erst bei ihr angefragt, ob sie ficken wolle. Der war doch gar nicht schwul!
Als Marcel nach seinem Milchkaffee griff, ließ sein Blick einen Moment lang von Nicole ab und streifte in die Runde. „Was starren die mich alle so an?“, dachte er, „Fickt euch doch alle!“ Aber dann vergaß er, dass ihn alle anstarrten und er starrte weiter zu Nicole hinüber. Warum, war ihm egal.

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Brav

Der Wauwau sah aus wie Justin Bieber und saß inmitten der Tulpenreihe. Die Oma streichelte ihm über den Kopf und sagte „Brav!“ Damit hatte sie recht, denn Achim war brav. Er wedelte mit dem Schwanz. Sicher gab es gleich ein Leckerli. Darauf freute er sich schon seit vorhin, als er das letzte Leckerli gefressen hatte. Die Oma hatte Achim schon mehrere Leckerlis gegeben, weil es ihr gefiel, dass er sich darauf freute, und weil Achim so brav war. Als Achim sein Leckerli bekommen hatte, unterbrach er das Schwanzwedeln, solange er kaute. Er konnte nur eine Sache gleichzeitig machen. Das lag nicht etwa daran, dass er ein dummer Wauwau gewesen wäre. Man hatte bei der Züchtung seiner Rasse einfach die Fähigkeit zum Multitasking vernachlässigt und stattdessen Wauwaus verpaart, die möglichst so aussahen wie Justin Bieber, und dazu noch brav waren.
Als Achim mit dem Leckerli fertig war, begann er sofort wieder mit dem Schwanz zu wedeln. Mit dieser Methode würde er weitaus mehr Leckerlis erhalten, als zum Beispiel durch Gekläffe, wobei ihm Kläffen sowieso viel zu anstrengend vorkam, und er sich einfach besser fühlte, wenn er brav war.
Der Oma gefiel es sehr gut zwischen den Tulpen. Schon ihre Mutter und auch ihre Großmutter hatten Tulpen gemocht, und wie die Mutter und die Großmutter hatte auch die Oma obendrein ein Herz für Wauwaus, die brav waren und gerne Leckerlis bekamen. Es war eine Familientradition, in der Jackentasche Leckerlis mit sich herumzutragen. Die Oma hätte zwar lieber einen Wauwau mit dem Aussehen Heintjes gefüttert, aber dieser hier sah nun einmal aus wie Justin Bieber. Hauptsache, er war brav. Als sie bemerkte, wie Achim mit dem Schwanz wedelte, griff sie in die Jackentasche und holte ein Leckerli heraus. Achim hatte sich schon seit vorhin darauf gefreut, als er sein letztes Leckerli gefressen hatte. Während Achim kaute, streichelte ihm die Oma über den Kopf und sagte: „Brav“. Und das stimmte.
Weil Achim kein Multitasking beherrschte, merkte er jedoch nichts davon, wie die Oma ihm über den Kopf streichelte. Da er entweder kaute oder sich freute und mit dem Schwanz wedelte, hatte er noch nie etwas davon mitgekriegt, wie er gestreichelt wurde. Er nahm nicht einmal die Tulpen wahr, in deren Mitte er sich befand.
Als er mit dem Kauen fertig war, fing er wieder an, sich zu freuen und mit dem Schwanz zu wedeln. Gleich, meinte er, würde er ein Leckerli bekommen. Die Oma war jedoch schon ein ganzes Stück weiter gegangen, zum einem anderen Tulpenbeet, wo ein anderer Wauwau mit dem Schwanz wedelte, der ebenfalls sehr brav war, aber zusätzlich wie Heintje aussah. Da Achim sich nur auf das Schwanzwedeln und Freuen konzentrierte, bemerkte er die Abwesenheit der Oma nicht. Er kriegte nichts davon mit, wie der Nachmittag ging, sich die Sonne violett färbte und hinter dem Städtchen verschwand, wie die Nacht sich hinzog lang und kalt, wie der Tau fiel am Morgen und die Sonne wieder auf- und überhaupt die Zeit verging, und dass die Hand, die ihm am späten Vormittag ein Leckerli hinhielt, von einer ganz anderen Oma stammte, als der, die ihm das letzte Leckerli gereicht hatte. Achim war ein braver Wauwau, der für das Wahrnehmen solcher Nebensächlichkeiten weder gezüchtet noch ausgebildet worden war. Als er mit dem Kauen fertig war, wedelte er mit dem Schwanz und freute sich. „Brav“, sagte die Oma. Und damit hatte sie vollkommen recht.

Gigbericht

Gurkenfreak war ja mal wieder mächtig gut drauf, weil er sich vor der Fahrt acht Perpen eingepfiffen hatte. Er glubschte uns die ganze Fahrt mit geweiteten Bullern an und riß fortlaufend Witze über die vorbeiziehende Landschaft, die hauptsächlich aus Lehm bestand. Wir wollten ins SJZ Kniffenbart zu einer Juchte mit Haffhorst und den 3 Bimmbamms, und die Wahrheit ist, auch wir hatten schon mächtig gehumpert, so dass uns der Bresen paffte.
Weil Gurkenfreak pausenlos Witze wegen des Lehms riß, hatte Borstel schon Höhe Schnerf seinen ersten Wutanfall bekommen. „Ich mag Lehm!“ hatte er gebrüllt, „Sag noch einmal was schlechtes über Lehm!“ und Gurkenfreak hatte daraufhin etwas schlechtes über Lehm gesagt. Gut, dass in diesem Moment gerade der Schaffner das Abteil betreten hatte. Wir ließen ihn jedoch am Leben.
Umso weiter südlich wir kamen, desto mehr veränderte sich die Farbe des Lehms, so dass auch Gurkenfreak bald meinte, so schlecht sei die Landschaft gar nicht. Da beruhigte sich Borstel vorerst und aß ein paar von den Krusten, die ihm der Arzt verschrieben hatte.
In Schnarchen, wo wir nach Kniffenbart umsteigen wollten, fing Borstel jedoch auf dem Busbahnhof schon wieder Streit an, und zwar mit einer Schulklasse. Er hat für solche Gelegenheit immer seinen beißwütigen Otter dabei, König Steif, der mit Borstel in charakterlicher sowie äußerlicher Hinsicht viele Eigenschaften teilt. Nicht nur die Tollwut. Nachdem König Steif etwa 5 Minuten lang in der Schulklasse gewütet hatte, kamen zwei Bahnhofspolizisten, die sich total darüber freuten. Die Sechstklässler hätten schon den ganzen Tag über am Busbahnhof randaliert und Papier fallen lassen. Da sei es gut, dass mal jemand käme, der denen ihre Grenzen aufzeigte. Als die Polizisten auch noch hörten, dass wir nach Kniffenbart zur Juchte wollten, schenkte einer der beiden Borstel seine Dienstwaffe, eine original Fratzenknecht .45k. Die Polizisten in der Gegend sind wie wir allesamt große Fans der 3 Bimmbamms, und wir Bimmbamm-Fans sind eine eingeschworene Gemeinschaft.
Nicht ohne dabei mächtig einen zu humpern, fuhren wir mit dem Bus durch das Lehmgebirge bis ins Kniffenbart-Tal, wo sich zwischen mehreren 8000er Lehmbergen das kleine Örtchen Kniffenbart befindet, das ganz aus Lehm besteht und Kennern der Sprallmusik seit Jahren ein Begriff ist, ja vielen sogar als Mekka der Sprallmusik überhaupt gilt.
Während sich Borstel mit ein paar Rentnern prügelte, die an der Bushaltestelle auf den Tod warteten, machte ich mich zusammen mit Gurkenfreak zum SJZ auf, um schon vor dem Konzert einen Blick auf die 3 Bimmbamms zu werfen. Ich kann nur sagen, einfach göttlich! Es ist immer wieder ein besonderer Moment, die Bimmbamms zu treffen. Gerhard und Bernd Bimmbamm hatten wieder ihre karierten Schnorste angelegt und Bernd Bimbamm trug auf jedem seiner drei Köpfe eine andersfarbige Joe-Carrera-Mütze, Sabine Bimmbamm, die gute Fee der Band, gleichzeitig Mutter, Ehefrau und Schwester von Gerhard und Bernd, fuhr kurz danach in ihrer Spregowskikutsche vor, die von 8 feurigen Kalupsen gezogen wurde. Das war ein Hallo! Gerhard und Bernd verteilten freigiebig Fingernägel, damit jeder etwas zum Knabbern hatte. Dann warf Sabine Bimmbamm ihr Gebiss in die Menge, worauf natürlich ein großer Tumult entbrannte, denn jeder wollte einen Zahn davon abhaben. Erst als plötzlich Schüsse fielen, klärten sich die Eigentumsverhältnisse. Borstel war eingetroffen, und es gab keinen Zweifel, Sabine Bimmbamms Gebiss gehörte ganz alleine ihm.
Um neun begann die Juchte, und Haffhorst fingen an zu spielen. Aber bis auf König Steif und ein paar Hunde interessierte sich niemand für den Beat. Pawnetzke-Blues ist ja sowas von von vorgestern. Gurkenfreak, der sich 4 weitere Perpen eingeworfen hatte, nutzte natürlich die Gelegenheit, sich über die Band lustig zu machen, indem er vom Bühnenrand aus mit Knorpeln warf.
Nach einer Dreiviertelstunde endlich kamen die 3 Bimmbamms an die Reihe
Schon das erste Lied, „Schlupfsulz in Schafsaspik“ brachte uns die Bresen zum Knastern.
Dann ging es Schlag auf Schlag: Piffte Piffte Piffte, Rosis Rosettentango, Sprallrebell, Iltis aus Paris, Kirschkern im Auge, – die ganzen alten Hits – das Publikum kannte jeden Liedtext auswendig, sogar König Steif und die anwesenden Hunde grölten alle Textzeilen Wort für Wort mit, Bernd Bimmbamm trommelte mit seinen Köpfen neun Schlagzeuge zu Schrott, wir waren außer uns, und als die 3 Bimmbamms zur Zugabe noch einmal Piffte Piffte Piffte anstimmten, flossen sogar Borstel die Tränen.
Dann kam der Regen. Ein warmer und heftiger Frühlingsregen mit Tropfen wie Ozeanen. Die Lehmberge rund um Kniffenbart lösten sich auf, wir wurden eins mit dem Schlamm und trieben, nicht ohne dass Gurkenfreak darüber ein paar Witze riß, mitsamt der Landschaft nach Norden über Schnarchen und Schnerf hinweg über das Land und hinterließen das, was immer hier gewesen war, nämlich nichts als Lehm. Erst kurz vor Königs Wusterhausen ebbte die Lawine ab, so dass wir absteigen und nach Hause gehen konnten.
Auch für dieses Jahr kann man nur sagen: Eine Juchte der Sprall-Musik. Und wenn im nächsten Jahr die Kniffenbärter aus dem Lehm der Gegend neue Behausungen errichtet haben werden, werden auch Gurkenfreak, Borstel, König Steif und ich dorthin reisen, wenn es wieder heisst: Humpern auf die Bresen drauf, die 3 Bimmbamms spielen auf!
Aber für jetzt, für das was noch zu sagen ist, ist leider keine Zeit mehr. Ich muss Krusten besorgen, denn Borstel wirft schon wieder Napalm aus dem Fenster.