Ein Lehrstück in Toleranz

von konrad71

Der Herbst ist da, die Blätter fallen wie der Regen und ein kalter Wind weht. Ich bin gerade am Modelleisenbahnladen in der Langhansstraße vorbeigegangen, und auch wenn im Schaufenster ein Schild hing, der Laden sei kameraüberwacht, konnte ich den ausgestellten Modelleisenbahnen keinen Wert zumessen, der einen Diebstahl rechtfertigen würde. Ich interessiere mich überhaupt nicht für Modelleisenbahnen. Modelleisenbahnen sind völlig überflüssig für mich, ebenso wie Kuckucksuhren, Plastiklichtschwerter, Sozialdemokraten und Zippo-Feuerzeuge.
Aber es geht nicht nur um mich, ich lebe in einer pluralistischen Gesellschaft und die Interessen sind vielfältig.
Einer mag Lakritze, der andere Gummibärchen, einer findet Adolf Hitler spitze, ein anderer die Klitschko-Brüder. Dem Mann dort hinten an der Haltestelle ist es vielleicht ein innerer Zwang, Bikinifotos zu betrachten oder Filme mit Til Schweiger, und die Frau auf der anderen Straßenseite versucht, nicht auf die Fugen zwischen den Gehwegplatten zu treten. Einer glaubt an Gott, der andre an Kompott, da kann es genauso sein, dass jemand Modelleisenbahnen so hübsch findet, dass er bei einem Modelleisenbahnladen ohne Kameraüberwachung sofort die Scheibe einschlägt und den H0-Triebwagen TF12 Deutsche Reichsbahn entwendet, um ihn in Sichtweite des Küchenfensters auf ein Vogelhäuschen zu montieren.
Das muss ich hinnehmen, und habe mir nicht einzubilden, ich sei ein wichtigerer und besserer Mensch, bloß, weil ich auf Vogelhäuschen montierte H0-Triebwagen völlig überflüssig finde.

Die Luft in der Sparkasse am Antonplatz riecht wie der Atem sterbender Affen. Die Finger der Schalterfrau bewegen sich viel zu langsam. „Schneller!“ sage ich, und drücke den Lauf noch tiefer in den Nacken des Bankdirektors, „Kann es sein, dass Ihre Mitarbeiter ein Motivationsproblem haben?“
Endlich ist sie fertig. Halb rückwärts, halb nach hinten guckend bewege ich mich zum Ausgang, wobei ich mir die Lidl-Tüte fest vor die Brust halte. Ich trete noch einen Prospektenstand um, dann steh ich draußen.

Der Herbst ist da, die Blätter fallen wie der Regen und ein kalter Wind weht. Ich bin gerade am asiatischen Maniküren-Laden in der Langhansstraße vorbeigegangen, und auch wenn mich der Anblick meiner Fingernägel hin und wieder an einen Soldatenfriedhof aus dem ersten Weltkrieg erinnert, kann ich mir nicht vorstellen, sie jemals im Leben irgendwelchen Elektrogeräten auszusetzen. Eher würde ich eine Kuckucksuhr kaufen, mit einem Lichtschwert herumfuchteln, in einem Werbespot für Zippo-Feuerzeuge mitwirken oder Sozialdemokrat werden.
Aber es gibt nunmal Leute, die das Aussehen ihrer Fingernägel als so wichtig einschätzen, dass ihnen der Preis von 29 Euro pro Maniküre nicht zu hoch erscheint, und die gar nicht mehr leben könnten ohne den Laden hier in der Langhansstraße. So verschieden sind die Menschen.
Die einen mögen Union, die andern BFC. Die einen würden Kriege anfangen für Erdöl, die anderen schon für Pellkartoffeln mit Quark. Die einen engagieren sich für süße kleine Kätzchen, die anderen für den Koran und wieder andere hätten gerne mehr Sex mit Schriftstellern. Die einen wollen Gott, die anderen Kompott, so ist das nunmal, da ist es auch völlig okay, wenn sich eine Dame für 29 Euro die Fingernägel machen läßt, obwohl sie ihre Finger zu nichts anderem benötigt als zum Popeln und zum Streicheln der Rosenblätter. Das muss ich tolerieren, auch wenn ich Maniküre auf diesem Niveau völlig unsinnig finde, aber ich will das moralische Recht, dass auch meine Handlungen ebenso toleriert werden.

Es hat aufgehört zu regnen. Die Krähen draußen im Baum diskutieren lautstark, wer auf den oberen Ästen platznehmen darf.
Ich habe den Inhalt der Lidl-Tüte auf den Küchentisch entleert. Die Beute kann sich sehen lassen. „Zwanzig“ überschlage ich. Super.

Der Herbst ist da, die Blätter fallen und ein kalter Wind weht. Der Dönerstand in der Langhansstraße ist gut besucht. Ich kann nicht verstehen, warum sich die beiden Polizisten vor mir Dönerteller bestellt haben, obwohl ein Dönerteller doch einen Euro mehr kostet als ein Döner, und der einzige Unterschied zwischen Dönerteller und Döner darin besteht, dass beim Dönerteller das Brot fehlt. Aber was geht mich das an? Einer trägt gerne Uniform, dem anderen ist es angenehm den ganzen Tag biertrinkend vor der Kaufhalle zu verbringen, der eine mag es, sein Gesicht in Schambehaarung zu vergraben, für den anderen muß der Partner überall glatt sein wie ein Kinderpopo, der eine mag den anderen, der andere den einen, wieder einer mag keinen und wieder ein anderer mag nur andere. Der eine glaubt an Gott, der andre an Kompott. So ist das nunmal. Wenn die beiden Polizisten lieber in Pappteller beißen, anstatt in Fladenbrot, und dafür einen Euro mehr bezahlen wollen, dann ist das ganz allein ihre Sache.

Gerade hat es wieder zu regnen begonnen, die Krähen vor meinem Fenster streiten sich immernoch, aber jetzt wollen die drei, die vorher die Plätze auf den oberen Ästen errungen haben, wieder unten im Geäst platznehmen, wo es trockener ist, aber die anderen Krähen rücken nicht zur Seite. Das stimmt mich irgendwie fröhlich und ich wünsche mir, dass das in der Bundesrepublik ebenso geschieht, obwohl das Verhalten der unten sitzenden Krähen nicht sehr tolerant ist.
Nachdem ich erst den Döner und dann das Grillhähnchen gegessen habe, lasse ich die übriggebliebenen Münzen auf den Küchentisch fallen. „Zwölf!“ zähle ich. Super! Dann zweige ich zwei davon ab und lege sie auf die Fensterbank. Morgen werde ich Vogelfutter davon kaufen gehen.

Der Herbst ist da, die Blätter fallen wie der Regen und ein kalter Wind weht. Ich liege, mit einer Axt und einem Messer bewaffnet, zusammengekrümmt auf dem Straßenpflaster. In mir stecken zwei Pistolenkugeln und mehrere Polizisten schlagen mit Papptellern auf mich ein. Einer der Polizisten tritt mir gegen den Kopf, eine blonde Politesse mit hochgesteckten Haaren sprüht mir mehrmals Pfefferspray ins Gesicht, ein großer Hund reißt mir Fleischfetzen aus der Schulter. „Toleranz“ rufe ich, „Toleranz“, dann explodiert der Antimateriesprengkopf in mir und die Explosion treibt eine Druckwelle durch das gesamte Sonnensystem, wobei es in sich zusammenfällt und nach wenigen Sekunden zu einem Schwarzen Loch wird, in dem/ Der Herbst der Regen und der Wind / für alle Zeit gefangen sind.

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