Der-Punkt-ist No.1 (noch ausm Herbst)

Am Kollwitzplatz

Der Punkt ist, am liebsten würde ich die Scheiben einschmeißen von dem Maklerbüro auf der anderen Straßenseite, und das, obwohl die Blätter der Kastanien rot und gelb sind am Kollwitzplatz und mich bisher abgelenkt haben von den schicken Modegeschäften und den anderen Geldverbrennungsanlagen für Dekadente. Aber vor dem Maklerbüro, da steht keine Kastanie. Da steht nur ein Moped. Ich wohne hier schon lange nicht mehr, und auch keiner, den ich kenne. Wir sind vertrieben worden, und das ist ein Fakt. Sie haben auf uns geschissen, sie haben unsere Kultur vernichtet, sie haben um zehn die Polizei gerufen, wenn irgendwo Musik war, sie haben einen Saftladen gebaut stattdessen. Aber wir sollen uns freundlich verhalten, mahnt der Zeitgeist, und tolerant sein gegenüber den Vegetierern, die jetzt hier wohnen, schließlich sind wir zivilisiert, aber der Punkt ist, ich würde nunmal im Augenblick am liebsten und am allerliebsten die Scheiben einschmeißen von dem Maklerbüro.

Einfach aus Tradition. Oder als Erinnerung. An die letzte Walpurgisnacht auf dem Kollwitzplatz zum Beispiel, 1995 glaube ich, so in dem Dreh, am 30.April jedenfalls. Das Hexenfeuer brannte trotz Verbots auf dem Kollwitzplatz, so wie jedes Jahr, die Leute tranken Bier und rauchten Marihuana, Kinder und als Hexen verkleidete Frauen tanzten um das Feuer herum oder legten Kartoffeln hinein, ein Typ, den alle Jesus nannten, verteilte selbstgeschmierte Butterbrote, es war Frühling, alle jubelten, ich trug die neuen Martens, die mir ein Nazi in der Straßenbahn überlassen hatte, lag im Gras und blickte zufrieden in den Himmel, den Funken hinterher, wie sie in der Nacht vergingen. Dann kam die Polizei.

Keine Ahnung, wie viele es waren. Der Punkt ist, es waren viele. Sie umstellten den Kollwitzplatz, und dann schossen sie Unmengen von Tränengas in die Menschenmenge.

Die Kinder schrien, die Leute gerieten in Panik, rannten durcheinander, aber niemand konnte weg. Ich war im Herzen fröhlich gewesen, doch jetzt stand ich starr am Rand und blickte zu den Polizisten hinüber, von denen keiner desertierte oder den Befehl verweigerte, obwohl jeder sah, dass Kinder auf dem Platz waren. Vielleicht stand ich eine Minute so da, ich bemerkte, wie nach und nach auch andere erstarrten und zu der Polizei hinüberblickten. Das Geschrei ebbte ab, ein paar Momente lang absolute Stille, dann, ohne dass irgendjemand ein Kommando gegeben hatte, brach der Sturm los. Es sollte die gewalttätigste Nacht werden, die ich je erlebt hatte.
Wir waren wie Berserker, schlugen mit allem, was wir finden konnten, wahl- und rücksichtslos auf jeden ein, der eine Uniform trug, jemand warf mit brennenden Holzscheiten, ein anderer zerdepperte mit einem Hammer Gehwegplatten und wir schleuderten die Einzelteile davon in die grüne Masse, als wenn dort keine Menschen ständen. Die Polizei war völlig überfordert. Sie konnte vielleicht gegen ein paar Autonome den großen Max riskieren, aber hier standen sie ganz normalen Leuten gegenüber, die einen gerechten Zorn hatten. Die Hundertschaft, die auf der Kollwitzstraße postiert gewesen war, zog sich, taktische Meisterleistung, in den ummauerten Bereich des ehemaligen Kohlenhandels zurück und wurde dort eingekesselt. Jeder, der das mitbekam, auch ich, warf nun die Steine direkt über die Mauer und keiner machte sich Sorgen um das Leben der Polizisten, das hatten sich die Wichser schließlich selber eingebrockt.
Es dauerte nicht lange, und die ersten Wannen brannten lichterloh. Einige Leute rannten nach Hause und kamen mitsamt Molotow-Cocktails über ein Dach zurück, von wo aus sie den neuen Autohandel einäscherten. Meine Freunde und ich prügelten uns stundenlang mit der Polizei. Es ging von Straße zu Straße, überall brannte es, und wir waren so berauscht dabei, dass wir nicht bemerkten, wie unsere Anzahl beständig abnahm.
Es kam wie es kommen musste, wir wurden verhaftet, mit Plastikband gefesselt, in eine Wanne gepfercht, ins Gefängnis gebracht und nur aufgrund meiner wohl wegen der neuen Martens außerordentlich penetrant riechenden Schweißfüße wurde ich nicht, wie so mancher andere, beim Einzelverhör körperlich misshandelt. Man konnte mir nichts nachweisen und ließ mich am Morgen gehen. Es war der 1.Mai, die Sonne schien, und als ich am Vormittag über den Kollwitzplatz ging, lag Ruß und Benzin in der Luft und ich wußte, was ich am Abend machen würde.
Der Punkt ist, jetzt und heute jedoch, würde ich am liebsten, wirklich am allerliebsten die Scheiben einschmeißen von dem Maklerbüro. Doch ich traue mich nicht und weiß nicht warum.
Aber Morgen vielleicht.

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