Brav

von konrad71

Der Wauwau sah aus wie Justin Bieber und saß inmitten der Tulpenreihe. Die Oma streichelte ihm über den Kopf und sagte „Brav!“ Damit hatte sie recht, denn Achim war brav. Er wedelte mit dem Schwanz. Sicher gab es gleich ein Leckerli. Darauf freute er sich schon seit vorhin, als er das letzte Leckerli gefressen hatte. Die Oma hatte Achim schon mehrere Leckerlis gegeben, weil es ihr gefiel, dass er sich darauf freute, und weil Achim so brav war. Als Achim sein Leckerli bekommen hatte, unterbrach er das Schwanzwedeln, solange er kaute. Er konnte nur eine Sache gleichzeitig machen. Das lag nicht etwa daran, dass er ein dummer Wauwau gewesen wäre. Man hatte bei der Züchtung seiner Rasse einfach die Fähigkeit zum Multitasking vernachlässigt und stattdessen Wauwaus verpaart, die möglichst so aussahen wie Justin Bieber, und dazu noch brav waren.
Als Achim mit dem Leckerli fertig war, begann er sofort wieder mit dem Schwanz zu wedeln. Mit dieser Methode würde er weitaus mehr Leckerlis erhalten, als zum Beispiel durch Gekläffe, wobei ihm Kläffen sowieso viel zu anstrengend vorkam, und er sich einfach besser fühlte, wenn er brav war.
Der Oma gefiel es sehr gut zwischen den Tulpen. Schon ihre Mutter und auch ihre Großmutter hatten Tulpen gemocht, und wie die Mutter und die Großmutter hatte auch die Oma obendrein ein Herz für Wauwaus, die brav waren und gerne Leckerlis bekamen. Es war eine Familientradition, in der Jackentasche Leckerlis mit sich herumzutragen. Die Oma hätte zwar lieber einen Wauwau mit dem Aussehen Heintjes gefüttert, aber dieser hier sah nun einmal aus wie Justin Bieber. Hauptsache, er war brav. Als sie bemerkte, wie Achim mit dem Schwanz wedelte, griff sie in die Jackentasche und holte ein Leckerli heraus. Achim hatte sich schon seit vorhin darauf gefreut, als er sein letztes Leckerli gefressen hatte. Während Achim kaute, streichelte ihm die Oma über den Kopf und sagte: „Brav“. Und das stimmte.
Weil Achim kein Multitasking beherrschte, merkte er jedoch nichts davon, wie die Oma ihm über den Kopf streichelte. Da er entweder kaute oder sich freute und mit dem Schwanz wedelte, hatte er noch nie etwas davon mitgekriegt, wie er gestreichelt wurde. Er nahm nicht einmal die Tulpen wahr, in deren Mitte er sich befand.
Als er mit dem Kauen fertig war, fing er wieder an, sich zu freuen und mit dem Schwanz zu wedeln. Gleich, meinte er, würde er ein Leckerli bekommen. Die Oma war jedoch schon ein ganzes Stück weiter gegangen, zum einem anderen Tulpenbeet, wo ein anderer Wauwau mit dem Schwanz wedelte, der ebenfalls sehr brav war, aber zusätzlich wie Heintje aussah. Da Achim sich nur auf das Schwanzwedeln und Freuen konzentrierte, bemerkte er die Abwesenheit der Oma nicht. Er kriegte nichts davon mit, wie der Nachmittag ging, sich die Sonne violett färbte und hinter dem Städtchen verschwand, wie die Nacht sich hinzog lang und kalt, wie der Tau fiel am Morgen und die Sonne wieder auf- und überhaupt die Zeit verging, und dass die Hand, die ihm am späten Vormittag ein Leckerli hinhielt, von einer ganz anderen Oma stammte, als der, die ihm das letzte Leckerli gereicht hatte. Achim war ein braver Wauwau, der für das Wahrnehmen solcher Nebensächlichkeiten weder gezüchtet noch ausgebildet worden war. Als er mit dem Kauen fertig war, wedelte er mit dem Schwanz und freute sich. „Brav“, sagte die Oma. Und damit hatte sie vollkommen recht.

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