Einer muß ja brillieren (warum ich von meinen Kollegen bei den Surfpoeten so gemocht werde)

Es ist Frühling, überall wachsen Astern aus dem Beton, türkische Großfamilien pflanzen sich am Straßenrand fort, junge Mädchen lassen ihre Schamlippen aus den Hosenbeinen hängen, im Mauerpark trommeln die Hippies auf Katzenfellen und im Mauersegler gibt es wieder Fassbier.
Auf der Veranstaltung bin ich wie immer der einzige, der brilliert. Das liegt nicht nur an meinem angenehmen Äußeren, dem überwältigenden Charisma und der Wortgewandtheit, das liegt hauptsächlich daran, dass die anderen, ich nenn sie mal „Schriftsteller“, einfach mal absolut gar nix auf Tasche haben, und damit meine ich nicht die finanzielle Situation, denn da kann man bei Schriftstellern sowieso davon ausgehen, dass sie nicht einmal die Tasche besitzen, auf der sie was haben könnten. Nein, ich meine ihre persönlichen und literarischen Qualitäten, an denen hapert es universell.

Zum Beispiel Hupe, der gute alte Hupe, geboren in den Wirren der 20er Jahre, das Urgestein unserer Bühne. In jenen zehn Minuten, die er stets benötigt, sich von seinem Platz aus ans Mikrophon zu schleppen, ist es jedes Mal, als wenn etwas stirbt, das eigentlich schon sehr sehr lange tot sein müsste. Seine Stimme ist so leise wie wie das Wiegen des Windes in schütterem Haar, oft sieht man nur am Zucken von Hupes Lippen, dass er überhaupt mit dem Vorlesen angefangen hat.
Wir lassen ihn natürlich in dem Glauben, wir verstünden, was er sagt. Aus Respekt vor seinem Alter, und aus Mitleid. Wir lachen in regelmäßigen Abständen, so, als hätte er einen Witz erzählt.
Oft guckt er dann fragend ins Publikum und keiner weiß so richtig, was ist das eigentlich da, was mich so anstarrt? Aber der, der ihm direkt in die Augen blickt und ganz genau hinhört, der kapiert, was Hupe eigentlich will: Gehirne!

Oder Schniekel, guckt euch Schniekel an. Nein, falsch geraten, das da in seinen Haaren ist keine Butter. Es sind anderthalb Kilogramm Schweinefett, die er jeden Mittwoch kurz vor dem Auftritt aus dem Schlachthof holt, – vier neugeborene Ferkel werden dafür lebendig über dem Schmalzfeuer ausgelassen. Aber die Frisur sei wichtig, sagt Schniekel, die Frisur sei der Träger des Charakters. Schniekel weiß Bescheid, schließlich ist er seit mehreren Jahren intellektuell. Er hatte damals vom Sozialamt Neukölln den Auftrag erhalten, die Toilettentüren der Volkshochschule mit den Aufschriften „Herren“ und „Damen“ zu versehen, was Schniekel sehr gut hinbekam. Das haben Sie sehr gut hinbekommen, Herr Schniekel, hatte der Hausmeister gesagt. Seitdem fühlt Schniekel sich zum Schriftstellerhandwerk berufen, und wir alle – und die kleinen Schweinchen – leiden sehr darunter.

Und dann Schnecke, Schnecke erst, unsere Quotenfrau. Schnecke, wie die sich immer aufführt! Guck mal, ich hab mir ein neues Kleid gekauft! – Das ist doch ne Hose! – Nein das ist ein Kleid – Ein Kleid mit Beinen? – Ein Kleid ein Kleid ein Kleid!
Ihre in bäuerlichem Stil verfaßten Texte enthalten viele aus ländlicher Sicht vulgäre Wörter wie Pupsen und Bussi, und damit Schnecke nicht bockig wird, müssen wir jedesmal so tun, als wenn uns das irgendwie provozieren würde.
Schnecke hält grundsätzlich alle Männer für böse, besonders die netten. Nur bei Literaturagenten macht sie eine Ausnahme. Wenn so einer im Publikum sitzt, holt sie sofort ihre Brüste raus, die aussehen, wie die Ellbogen von Neunjährigen. Darauf freuen wir uns immer besonders, da wir ja sonst keine Albträume haben.

Und Schnösel natürlich, unser hedonistischer Drogenclown, der ohne Chrystal Meth nicht mal die Augenbrauen heben könnte, dessen Texte immer damit enden, dass er in seiner eigenen Kotze ausrutscht aber der Sonnenaufgang sehr schön ist. Schnösel, dem es eine spezielle sexuelle Freude ist, sich die noch zuckenden ausgerissenen Beine von Schnaken in die Harnröhre zu schieben. So besoffen, wie wir abends ins Bett gehen, so steht Schnösel am Morgen auf. Sein Kopf ist ein Chemielabor, und jedes Mal, wenn er vorliest, spritzt dem Publikum in den vorderen Reihen eine Mischung aus LSD, MDMA, Machorka, Ketamin, Prima Sprit und dem Zeug, das er Poesie nennt, in die Gesichter, ausgegeifert wie der Maulschaum aus einem zuschunden gerittenen Wallach.

Und dann noch DJ Alp`n´Proll, dessen Musikgeschmack irgendwo zwischen Jeanette Biedermann und Who the fuck is Alice die finsterste Höhle gefunden hat, in der nicht mal Neanderthaler leben wollen würden, und dessen Plattenauswahl jedes mal den Abend zu einem Massaker, zu einem Pogrom am Leben werden lässt und jedem von uns den Freitod als wünschenswerte Alternative nahelegt.

Aber es ist ja Frühling, im Mauersegler gibt es Faßbier, Allergiker blähen sich auf wie Ballons und schweben über die Stadt, das Einkommen der Flaschensammler steigt um 500%, auf den Friedhöfen blüht das Vergissmeinicht, und es gibt immernoch einen hier, der brilliert.
Apropos, ich hoffe, jeder hier hat vorhin am Einlaß das Wechselgeld überprüft.

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