UNKONTROLLIERT

Total aufregende Wintergeschichte, in der Leute ihre Hände über einem Ölfass wärmen

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Sie fangen an, wenn es noch lange dunkel ist, sie hören auf, wenn es schon lange dunkel ist. Sie schleppen ihre blauen Wattejacken durch das Schneetreiben, sie fluchen auf babylonisch. Wenn sie zusammenlegen, kriegen sie sogar Mindestlohn. Sie haben mit einem Bagger die Straße aufgerissen. „Wir verbessern die Fernwärmeversorgung für unsere Bürger, bitte entschuldigen Sie die viermonatigen Bauarbeiten“ hatte man uns vor einem Jahr wissen lassen. Wir nickten. Schön, sagten wir, super, Fernwärme, geil, voll Käpt’n-Future-mäßig, vielleicht gibt es ja dann auch einen Internetanschluss jenseits von Klingeldraht. Aber Pustekuchen. Wir haben festgestellt, von der Narbe in unserer Straße führen keine Abzweigungen zu unseren Häusern her. Nur zu einem einzigen, das noch gar nicht fertig ist. Das Fundament, ja, und die Tiefgarage, und ein Schild haben sie hingestellt, mit verlockendem Protz drauf. Achso, denkt der Passant, das werden überhaupt keine Wohnungen hier, die bauen Residenzen, und neue Bäume wollen sie auch pflanzen an die Straßenecke, interessant. Aber dreihunderttausend Credits für anderthalb Zimmer, nee, da kauf ich mir lieber ein Einhorn.
Die Kassenfrau im Lidl hat einen schweren grippalen Infekt, da ist es gut, dass sie unter Leute kommt.
„Schönes Wochenende“
„Echt, schon wieder?“

Meine Gedanken sind zwischen den Beinen einer anderen Frau, aber ich verrate nicht, welcher. Das wäre auch unpassend, hier, im Lidl, die kennt ja keiner, die Frau, es sei denn, ich unterschätze ihre Promiskuitivität, und der Alkoholiker hinter mir nickt und sagt, ach die ja, straffe Torte, – oder eine Aktivistin der Lustfeindlichkeit kommt vom Obstregal her angerannt und keift rum, ich solle die Frau nicht wie ein Objekt betrachten. Dabei bin ich doch gedanklich zwischen den Beinen, und nicht außen dran. Und dann, beim Sex, falls der stattfindet, ich verspreche, ich werde das Subjekt betrachten: Oh Baby, dein Interesse für tschechoslowakische Briefmarken macht mich dermaßen scharf, und wenn du fragst, warum mein Schwanz so hart ist: Es sind deine fortgeschrittenen Excel-Kenntnisse.

Wieder draußen auf dem Parkplatz schlägt mir der Wind eisige Nadeln ins Gesicht. Die Kälte ist aber nicht mein Problem. Weil ich so warm angezogen bin, kriegen meine Brustwarzen kaum Luft. Ja, ich geb’s zu, ich atme durch die Brustwarzen. Mund ist anstrengend. Aufklappen, zuklappen, als hätte ich nichts bess’res zu tun. Und die Nase, die hab ich schon lange voll. Hauptsächlich mit Rotze, ja.
Aber auch mit Reisig.
„Niemals!“ wird jetzt der Schlaumeier denken: „Reisig in der Nase, das geht doch gar nicht!“
Tja, da hättest du besser aufpassen müssen an der Universität, nicht nur an der Karriere häkeln, auch mal ein bisschen Wissenschaft, egal, ob die verpönt ist. Hättest du ja auch heimlich machen können. Nach dem Abnicken der Ideologie vor’s Gebäude setzen, ans Humboldt-Denkmal, wo nie einer hinguckt, oder abends, unter der Bettdecke, mit ’ner Taschenlampe. Schön den Volksempfänger aufgedreht, Radio Energy, das alte verbotene Buch aufgeklappt, und dann: Einszweidrei, ach so ist das mit dem Reisig in der Nase!
Vor der Baustelle halten die Arbeiter ihre Hände über das Feuer aus einem Ölfass.

Das Brennholz hat sicher der Russe gehackt, denk ich. Auf allen größeren Baustellen wird für den Winter ein Russe als Hacker angestellt. Als ich noch auf dem Bau war, haben wir immer das Reisig aus unseren Nasen genommen. Aber diese Zeiten sind vorbei. Bis auf mich sind alle deutschen Bauarbeiter zu Isis gegangen. Nur ich bin hiergeblieben. Einsam und prekär schleppe ich mich die Friesickestraße hinauf.
Es wird schon wieder dunkel. Hinter mir zieht Nebel auf.
Wenn einst der König mit seiner Familie in die Residenzen eingezogen ist, werde ich mich verneigen, wenn ich daran vorübergeh. Ich muss ja hier lang, wenn ich zu Lidl will.
Wo kommt der Nebel her? Das weiß kein Mensch. Und wer hat den ersten Funken gezündet? Niemand weiß es. Eins aber steht fest. Am Anfang war die Kälte, und das Feuer.

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