Heinz Krösus wollte sein Neffen Devid abholn

von konrad71

Hallo, Heinz Krösus, det bin ick, und ick wollte meen Neffn Devid abholn jestern abend von Jugndklub, in Hohnschönhausn. Nich mit Absicht, oder vielmehr, nich freiwillig. Ick mußte.
Dit is nämlej so’ne Sache mit den Devid, – Pubertät! – Dreht ßiemlich an Rad in letzte ßeit, und der soll immer um acht ßu Hause sein, aber warer jestern Abnd nich, und da is jetz seine Mutter, also meene Schwester Gritte, aus alln Wolken jefalln, n Wolknbruch war det, det janße Taschntuch war volljeheult und Stück vonne Tischdecke. Eener mußte deswegn jetz in Jugndklub fahrn, na Hohnschönhausn, und Devid abholn, und weil Devids Stiefvater Lutz Schmächtej jrade von BFC jekomm war, mit mehr als nur ne BFC-Fahne, stockbesoffn, – und nu wie ne Eidechse uffn Sofa jepennt hat, hat Gritte ehm mich vaflichtet.
Ick kann ja meene Schwester nix abschlagn, ick mag die ja. Da jabs keene Ausredn: Musstick uffstehn und denn ßur Straßnbahn!

Unterwegs sin mir einjermaßn ßweifel jekomm, icke und Jugndklub, ick meene: in meen Alter! Da jibts do bestimmt Verständjungsschwierejkeitn, wenn ick frage, wo Devid is. Die redn do da janz anders. Und da binnick anne Haltestelle noch ma in ßijarettnladen jejang und hab nach ne Jugndßeitschrift jefragt, ne Bravo haick denn letztendlej jekooft, Sonderheft mit HippHOPP-Musike, watt ja Devid ooch hört von Stil her, und denn, inne M4, also erst M13 bis Antonplatz, und denn inne M4 haick ersma n bißchen jeübt. Motherfucker. Det jenfalls schien det wichtigste Wort inne Bravo ßu sein. Ick habs n paar ma vor mich hinjesprochn, bis icks intus hatte, die Leute ham jekiekt, aber et war ja ooch wichtich. Ick meene, ick musste mich ja durchfragn könn, in Jugndklub, und da wolltick ja nich wie von vorjestern erschein.
Als ick in Hohnschönhausn anjekomm war, hattick mir so ßiemlich allet ruffjeholfen watt der moderne Mensch von heute über HippHOPP Musike wissen muss. Anne Haltestelle haick mir ersma bißchen optisch anjepasst, n Kragn hochjeklappt, die Hose uff Hälfte Arschbacke runterjedrückt, Stück von Schlüpper hinten rausjeßogn, untn die Hosnbeene inne Sockn jesteckt. Denn binnick rüber ßu den Jugndklub jejang.
Vorne in Einjangsbereich standn glei paar von den HippHOPPern, bein Lochbillard, und weil Devid nich dabei war, haick erstmal inne Volln jegriffn. „Eh ihr Motherfucker“, haick jerufn, „weeß eener von euch Husos wo Devid is, der hätte nämlej um acht ßu hause sein jemußt, bei sein Homies.“

Aber die Jugndlichn ham so jut wie janich reagiert, nur eener, der hat sej kurz ßu mir umjedreht und durch mich durchjekiekt, aber mehr ooch nich. Fast so, als wennick janich dajewesn wäre. Icke also lauterjeworn: „Eh, ihr Spasten, wisster wo Devid is, der behinderte Krüppel, ick muss ihn int Ghetto bring, ßu seine Homies!“
Ick meene, ick hab nur vasucht, freundlej ßu sein, mich ßu integriern, wennick na Kanada auswandern wolln würde, würdick ja ooch ersma kanadisch lern, aber: Null Reaktion. Die ham det überhaupnich ßu würdjen gewußt. Icke noch een Versuch „Wo Devid is will ick wissn, ihr Mongos!“, da jeht do tatsächlej eener von die HippHOPPER die Treppe ruff und kommt mit so’ne Art Soßialarbeiter wieder, der wohl der Chef jewesn is vont janße, und der is ßiemlej unhöflej jeworn, ick solle mich vapissn und die Authistngruppe in Ruhe lassn, er wär schon froh, wenn die sej überhaupt mit sej selber beschäftjen würdn. Und Devid sei schon vor ne halbn Stunde nahause jefahrn.
Da hattick mir nu extra so’ne Mühe jejehm, und watt hattick davon? Jarnischt.
Wegn nüscht na Hohnschönhausn ßu fahrn, det war jenauso sinnlos wie bei Lutz Schmächtej vor ßwee Wochn an Wochnende, wegn BFC jegn Antichrist Wittnberg, auswärts in Lutherstadt Wittnberg wo et eigntllej um die Wurst jehn sollte, also Abstiegskampf jetz, inne vierßehnte Regionalliga, und wo der BFC-Fanclub, bei den Lutz Schmächtej Mitglied is, extra mit vier jemieteten Bussn runterjefahrn is, aber aus Versehn na Wittenberje statt na Lutherstadt-Wittnberg und in Wittenberje war überhaupt keen Fußballspiel, nichma Junioren-irgendwatt, nurn Schachturnier, wose denn stattdessn hinjejang sind, damitsewenigstns in bißchen rumgröln konntn bei ne Sportveranstaltung, und wose denn ehm anstatt von Antichrist Wittnberg Fans von irgndwelche Schach-Ultras uff Maul jekricht ham, und denn, det ooch noch der Bus, wo Lutz Schmächtej drinnesaß uffn Rückweg, inne Polißeikontrolle jeratn is, und auß technische Mängel nich weiterfahrn durfte, und det denn Lutz Schmächtej und seine Klubkameradn den janzn restlichn Weg na Berlin ßu Fußn latschn durften, weil keer Interesse daran ßeigte, offensichtleje Anhänger des Berliner Fußball Clubs-Dynamo ooch nur bis bis ßur nächstn Raststätte mitßunehm. Und bis Berlin warn det fündundvierzej Kilometer. Ne vollkomm sinnlose Tortur, und ohne, detse vorher wenigstns bein BFC-Spiel jewesn wärn.
Jenauso bei mir jestern.
Watt solltick machen, ick war völlich umsonst in Jugndklub jewesen, hatte umsonst die HippHOPP-Sprache jelernt, umsonst die Hosn inne Sockn jesteckt, und umsonst Ärjer mitn Soßialarbeiter jekriecht, und det hat sej ßiemlich bescheuert anjefühlt, und nutzlos und gleißeitich ausjenutzt.
Aber denn, heute mittach, bei Gritte inne Küche, da hat det sej denn doch rentiert. Ick sag nur Kohlrouladen mit richtich fülle Soße und Salzkartoffn, denn zwee Stückn Heidlberjer Kranz mit Sahne, und denn Kaffe und Eierlikör. Und mit Devid, den Motherfucker, haick mir ooch uff eemal ßiemlej jut unterhaltn könn, dit is ja ooch immerhin meen Neffe. Et kann ooch manchmal von Vorteil sein, wenn man watt Sinnloset macht.

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